FeuerHaus Aichach

Modernste Technik erschafft mittelalterliche Welten

Abbildung © Gruppe Gut Bozen, Entwurf 11/2018

In Aichach ist die multifunktionale Halle des FeuerHauses direkt am Rand der Altstadt Ort der Landesausstellung. Anders als in Friedberg erwarten die Besucher hier keine Originalobjekte des Mittelalters. Doch bietet das Gebäude nötigen Freiraum für moderne Ausstellungstechnik und multimediale Inszenierungen. Sie ermöglichen das Eintauchen in eine vergangene Städtewelt Bayerns und besonders des Wittelsbacher Landes. Und so wird hier die Geschichte der Wittelsbacher und ihrer Städte erzählt, wobei in den unterschiedlichen Bereichen diverse Vermittlungstechniken Anwendung finden. Es geht dabei nicht um Vollständigkeit, sondern um eine eher assoziative, leichte Erzählweise in loser chronologischer Reihung. Darüber hinaus wird ein für Landesausstellungen neuartiges Konzept angewendet, bei dem die idealtypische wittelsbachische Stadtanlage mit Führungen erschlossen wird.

Schon das äußere Bild des einstigen Feuerwehrhauses erinnert mit Stadtmauer und Stadttor, mit scheinbar im Bau befindlichen Fachwerkhäusern und Kirchtürmen an die Aufbruchstimmung mittelalterlicher Gründungsstädte. Im Inneren des Gebäudes gibt es in der ersten Sequenz einen einleitenden Film zu sehen: ‘Von der Burg zur Stadt´, eine Visualisierung auf zwei Ebenen mit zeichnerischen und realen Elementen. Im Stil mittelalterlicher Aventiure-Romane erzählt er von der Zerstörung der Pfalzgrafenburg Oberwittelsbach, vom Aufstieg der herzoglichen Linie der Wittelbacher und damit einhergehend der Entstehung der ersten Gründerstädte – wie zum Beispiel der Landstadt Aichach, die Aufgaben der zerstörten Pfalzgrafenburg übernimmt und von Kaiser Ludwig dem Bayern 1347 das Stadtrecht verliehen bekam. ‚Stadt ist Leben‘ - so heißt die zweite Ausstellungssequenz, die ins pralle Alltagsleben des späten Mittelalters führt. Die Stadt ist zum zentralen Ort des Austauschs geworden, hier herrscht Bewegung, Vielfalt, Buntheit. Festgehalten wurde dies auf Hintergrundbildern bayerischer Altarretabeln des späten 15. Jahrhunderts. Deren typischer Detailreichtum erlaubt es, wirklichkeitsgesättigte Szenen wie den Marktplatz oder das Stadttor herauszupräparieren und den Besuchern einen exemplarischen Spaziergang durch einen malerischen Stadtkosmos des späten Mittelalters zu präsentieren.

Ein virtuelles Erlebnis der besonderen Art bietet die nächste Sequenz: virtuelle Rundflüge durch die Residenzstadt München am Ende des 16. Jahrhunderts. Dank eines Projekts der TU München konnte das berühmte Holzmodell des Straubinger Drechslermeisters Jakob Sandtner, im Original im Bayerischen Nationalmuseum in München, in 3D visualisiert werden. Erstmals ist es in der Bayerischen Landesausstellung 2020 möglich, in die Welt dieses Modells einzutauchen und die Stadt zu erleben: von den Stadtmauern zu den Mühlen, zum späteren Marienplatz oder zur Frauenkirche.
Anschließend betreten die Besucher eine Art Architekturwerkstatt. Sie steht unter dem Leitbegriff ‚Transformation‘. Geplante Städte gibt es schon seit dem Mittelalter. Das Thema der Idealstädte und Stadtutopien zieht sich seither durch die europäische Geschichte. Auch die bayerischen Städte haben ihr Gesicht über die Jahrhunderte verändert, vieles wurde zerstört, Neues ist entstanden. In unterschiedlichen Medien werden Beispiele aus Bayern herausgegriffen und präsentiert, manches mag zur Diskussion anregen – etwa die Fragen, wie sich städtisches Leben unter den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts weiterentwickelt, oder ob angesichts des Wachstums in einigen Regionen und der Bevölkerungsverluste in anderen das Thema der Neugründung von Städten nicht wieder auf die Tagungsordnung gehöre.

Die letzte Sequenz ist nochmals der Stadt Aichach gewidmet. Im Zentrum steht ein Stadtmodell, das Aichach im Jahr 1914 zeigt, also kurz vor Ende der Monarchie und in der Phase beginnender Industrialisierung. In Erinnerung an die Frühgeschichte ihres Hauses besuchte das bayerische Königspaar im Mai 1914 Aichach. Anlässlich der Vor- und Nachbereitung des Besuchs wurde die Stadt mustergültig dokumentiert. Das erlaubt heute den Nachbau dieses Zustands im Stadtmodell, an dem man musterhaft die Entwicklung einer typischen Wittelsbacher Gründungsstadt durch die Zeiten deutlich machen kann. Aichach steht hier für den Typus der bayerischen Landstadt. Gezeigt werden stadttopographische Elemente wie die Entwicklung der Stadtmauer, die vermutete Siedlungsentwicklung, die kirchlichen Schwerpunkte. Darüber hinaus wird die zentrale Marktfunktion sichtbar, etwa die regelmäßigen Viermärkte und die damit zusammenhängende Vielzahl von Wirtshäusern.

Von hier aus öffnet sich die Ausstellung in den konkreten städtischen Raum. Die Besucher können Aichach selbst entdecken – die Gegenwart einer mittelgroßen bayerischen Stadt mit großer Geschichte. Wer will, kann im Rahmen einer geführten und frei gestalteten Führung zentrale Orte der Stadtgeschichte sehen und als Höhepunkt das städtische Wittelsbacher Museum im nördlichen Stadttor besuchen. Es zeigt Originale vom Ausgrabungsort der Burg Oberwittelsbach und ermöglicht den verbindenden Blick vom einstigen Burgstall bis zur lebendigen Altstadt: ‘Von der Burg zur Stadt.‘