Wittelsbacher Schloss Friedberg

Fürstenstadt und Bürgerstolz

Foto: © Stefan Heinrich, Kleeblatt-Medien

Im Wittelsbacher Schloss Friedberg stehen für die Landesausstellung acht historische Räume zur Verfügung, die nach der Renovierung optimale museale Konditionen für Originalexponate aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit bieten. Moderne Ausstellungsgestaltung und wohldosierter Medieneinsatz lassen den roten Faden der Erzählung sichtbar werden. Die Besucher erleben die Gründungsgeschichte der altbayerischen Städte zur Zeit der frühen Wittelsbacher, die glänzende Entwicklung dieser Kommunen im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit bis hin zur napoleonischen Zeitenwende nach 1800. Ergänzend erlaubt das Kombiticket nach Ende des Rundgangs auch einen Besuch im Museum im Wittelsbacher Schloss Friedberg.

Abteilung 1:
Bayern um 1180 – zentrale Orte, wenige Städte

Der Rundgang beginnt im sogenannten Rittersaal, der durch sein elegantes, auf zwei Pfeilern ruhendes spätgotisches Gewölbe geprägt ist: der richtige Ort, um einen Sprung in die Zeit um 1180 zu wagen, als das Herzogtum Bayern noch nicht von Städten, sondern von zentralen Orten wie Burgen und Klöstern geprägt war! Zwischen diesen lagen Ansiedlungen, denen zumindest frühstädtischer Charakter zukommt: Bischofssitze wie Regensburg (zugleich ein wichtiger Vorort des Herzogtums), Passau, Freising, Eichstätt, Augsburg und natürlich Salzburg als Sitz des Erzbischofs.

Etwa um 1100 begannen die Staufer in Schwaben, die Zähringer in Baden und bald auch die Herzöge aus dem welfischen Haus gezielt mit der Gründung neuer Städte. Solchen Städtegründungen lagen zwar auch ganz unterschiedliche politische Überlegungen zugrunde – wichtiger noch war aber eine übergeordnete Entwicklung, sozusagen ein großes historisches Hintergrundrauschen, nämlich das geradezu explosionsartige Bevölkerungswachstum zwischen den Jahren um etwa 1000 und 1320.

Das ist der Rahmen für eine politische Weichenstellung, die Altbayern für Jahrhunderte prägen sollte. Im Jahr 1180 setzte der Stauferkaiser Friedrich Barbarossa den bayerischen Herzog ab, seinen großen Rivalen, der Welfe Heinrich der Löwe. Und er machte seinen engsten weltlichen Gefolgsmann, den vor allem im Westen Bayerns begüterten Otto von Wittelsbach, zum neuen Herzog. Damit sind die Namen dreier Herrscherfamilien genannt, deren Machtsphären sich damals in der Region zwischen Donau, Paar und Lech berührten. In der Ausstellung begegnen uns diese prominenten Herrschergestalten vor allem in einer Hinsicht: als frühe ,Städtegründer‘ oder Siedlungspolitiker. Mit der Herzogswürde bekam der ,lachende Dritte‘ Otto von Wittelsbach nun auch die unangefochtene Autorität, königliche Rechte wie etwa die Verleihung von Markt- und Stadtrechten auszuüben.


Abteilung 2:
,Gründungsfieber´ – wie in Bayern neue Städte entstanden. Oder: ,Stadtluft macht frei´!

Zwischen 1200 und 1300 entstand in Bayern eine Vielzahl neuer Städte. Aber wie hat man sich den Ablauf einer Stadtgründung vorzustellen? Die Fülle von Planung und Disposition, die Beischaffung von Spezialisten, die tatsächliche Umsetzung – von all dem wissen wir wenig. Mittelalterliche Geschichtsschreiber erzählten gerne Heldengeschichten, nicht aber von der Mühsal des Lebens, der Ingeniosität von Planern und Machern. Tatsächlich waren es wohl langwierige, oft von Zufällen bestimmte Entwicklungen – Stadtgründung muss als Prozess verstanden werden.

Im von einem einzigen wuchtigen Pfeiler getragenen Gewölberaum der Remise zeigt die Ausstellung beide Perspektiven: Zum einen erzählt sie von den bayerischen Herzögen. So etwa von Herzog Ludwig dem Kelheimer, der nach einer Nachricht des Geschichtsschreibers Hermann von Niederaltaich im Jahr 1204 die spätere Residenz Landshut errichten ließ. Das war gewissermaßen der Startschuss für ein Jahrhundert der Entstehung von Städten in Bayern. Ebenso wird Ludwigs Gemahlin Ludmila von Böhmen vorgestellt. Die meisten Städte der Wittelsbacher entstanden auf kirchlichem Grund. Städtische Pfarrkirchen und für sie angefertigte Kunstwerke gewähren wichtige sozialgeschichtliche und künstlerische Einblicke. Wesentlich war die herrscherliche Rolle für die Gewährung von Stadtrechten in Form von Privilegienbriefen, durch welche die Stadtbewohner von fremden Gerichten befreit wurden und durch welche sie auch in den Genuss weiterer Vorrechte kamen. Dieser ,Standortfaktor Recht´ diente als Anreiz für die neu entstehenden städtischen Siedlungen, in denen die Menschen aus dem Umland ihre Chancen suchten: ,Stadtluft macht frei‘!


Abteilung 3:
,Höllische Gassen, paradiesische Plätze – wie die Städte in die Höhe wuchsen‘

Nach dem Ausflug in die städtebauliche Gründerzeit erwartet die Besucher die spektakuläre Welt der spätmittelalterlichen Stadt. Beim Betreten des Festsaals des Schlosses werden sie mit der Großzügigkeit und Weite des Raums konfrontiert. Der offene historische Dachstuhl lenkt den Blick nach oben, in die Vertikale. Darum ist dieser Raum ideal geeignet für eine Abteilung, die sich mit dem Spätmittelalter befasst – der Zeit, in der die Städte in die Höhe wuchsen. Außerdem erinnert die Holzkonstruktion des Dachstuhls an den Einsatz von Holzbalken bei der Konstruktion von Gebäuden – also an die für das spätere Mittelalter weit verbreiteten Fachwerkbauten. Leitmotiv dieser Abteilung ist die Entstehung des öffentlichen Raums: Wie konstituiert sich Öffentlichkeit und Privatheit in der relativen Enge städtischer Siedlung, was sind die Orte des Austauschs?

Die Gestaltung der ‚Gruppe Gut‘ greift das Thema ‚Straßen und Plätze‘ auf und verteilt die vielfältigen Themen auf Quartiere und Viertel, die durch einen ‚Hauptplatz‘ und mehrere ‚Seitenwege‘ erschlossen werden. Hier werden sowohl die verschiedenen baulichen Bereiche der ‚typisch wittelsbachischen Stadt‘ präsentiert als auch ihre wichtigsten Akteure. Die Besonderheiten städtischen Bauens werden mit ungewöhnlichen Originalen – vom mittelalterlichen Straßenpflaster bis hin zu Überresten einer Bohlenstube – dargestellt. Eine Stadt besteht eben aus beidem: aus Steinen und aus Menschen.

In der Stadt galt, anders als auf dem Land, eine eigene, genauer getaktete Zeit. Und die sozialen Aufgaben, sich um Kranke und Arme zu kümmern, war hier der Gemeinschaft aufgegeben, sodass bei Stadtgründungen rasch auch der gesellschaftliche Mikrokosmos des ,Spitals‘ entstand: als Ort der medizinischen Versorgung von Alten und Kranken, aber auch als rational arbeitendes Wirtschaftsunternehmen.

Abteilung 4:
‚Unser Städt und Märkt‘ – die Zierden des Landes

Vom Festsaal aus passieren die Ausstellungsbesucher ein Fenster, das den ‚Friedberger Blick‘ in Richtung des großen Nachbarn Augsburg und in die Lechebene ermöglicht. Anschließend gelangen sie in die Fürstengalerie des Wittelsbacher Schlosses, die sich während der Ausstellung in das Antiquarium der Münchner Residenz verwandelt.

Die planmäßige Gründung und Förderung von Städten seit etwa 1200 trug wesentlich zur Entstehung eines wirtschaftlich, fiskalisch und administrativ durchdrungenen Herzogtums Bayern bei. Als sich im 16. Jahrhundert in den vereinigten altbayerischen Gebieten und in der Oberpfalz frühmoderne Staatlichkeit im Zeichen des Frühabsolutismus durchsetzte, sollte die angemessene Darstellung und Beschreibung des Landes den Ruhm der herzoglichen Familie fördern. Herzog Wilhem V. ließ am zentralen Ort der höfischen Repräsentation, im Antiquarium der Münchner Residenz, insgesamt 102 Veduten seiner Städte, Märkte und Schlösser abmalen – für viele Orte in Bayern die frühesten Abbildungen überhaupt. Städte und Märkte galten nun als Zierde des Landes, parallel zu dem auf der herzoglichen Schautafel versammelten ‚Tafelsilber‘ - das zeitgemäß aus einem italienischen Majolikaservice bestand.

Die Ausstellung greift in der langrechteckigen Fürstengalerie das Motiv des Antiquariums auf. Nach der Teilzerstörung im Zweiten Weltkrieg wurden einige Stadtveduten für den Wiederaufbau originalgetreu auf Metalltafeln kopiert. Doch sie fanden aus unbekannten Gründen keine Verwendung und lagerten weitgehend unbeachtet in den Depots der Bayerischen Schlösserverwaltung. Erstmals kann eine Auswahl davon in der Bayerischen Landesausstellung 2020 der Öffentlichkeit präsentiert werden – und ermöglicht so eine unmittelbare Begegnung mit den großformatigen Veduten. Im Zentrum des Raums werden – quasi als ‚Tafelsilber‘ – wesentliche Stationen der Aneignung von Herrschaftsrechten und Besitzrepräsentation versammelt: vom reichen staufischen Erbe des 13. Jahrhunderts bis zur Landaufnahme des 16. Jahrhunderts mit den Landtafeln des Philipp Apian oder dem fein gearbeiteten Kalksteinrelief, das die pfälzische Zweitresidenz Amberg zeigt.

Im anschließenden Herzogin-Christina-Zimmer mit seinem eleganten Biedermeier-Stuck wechselt erneut die Perspektive: Hier geht es um den Stolz der Bürger auf ihre Stadt. Deren Abbild wird zum Thema bürgerlicher Selbstdarstellung und findet sich nicht nur in viel gekauften grafischen Sammelwerken, sondern auch in unterschiedlichsten Gebrauchszusammenhängen: auf liturgischen Textilien, Handwerksbriefen, Uhrengemälden, Porzellangefäßen oder Votivreliefs.

Am Schluss des Ausstellungsrundgangs steht der epochale Wandel infolge der Französischen Revolution und der napoleonischen Kriege. Der staatliche Neubau des Königreichs Bayern im Jahr 1806 erfolgte im Geist rationaler Staatsverwaltung durch Staatsminister Maximilian Graf Montgelas.